Als die Geschäftsleitung der Scuderia Ferrari im Februar 2021 die werkseitige Rückkehr in den Sportwagensport bekannt gab, war die Überraschung bei der Fachwelt und den interessierten Zu-schauern groß. Ende 1973 beendete die Scuderia das Sportwagen-Engagement. Der zweite Rang von Jacky Ickx und Brian Redman im Ferrari 312PB beim 6-Stunden-Rennen von Watkins Glen 1973 war das letzte nennenswerte Ergebnis. Der zu Beginn der 1990er-Jahre bei Michelotto Engineering gefertigte Ferrari 333SP hatte nie einen Werkseinsatz.
Die Entwicklung des 499P folgte dem seit der Saison 2021 geltenden technischen Reglement der Hypercar-Klasse der FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft. Beim Fahrzeugnamen setzt sich die lan-ge Ferrari-Tradition fort, die den Hubraum pro Zylinder in Kubikzentimetern angibt. 499 Kubikzenti-meter pro Zylinder ergeben beim V-Sechszylindermotor einen Gesamthubraum von 2994 Kubikzen-timeter. Das P steht wie gehabt für Prototyp. Der Motor ist eine Neuentwicklung. Dazu Ferraris GT-Designchef Ferdinando Cannizzo: „Es ist nicht derselbe Motor wie im Ferrari 296 GT3. Er verfügt über dieselbe Architektur wie der 296, aber er ist Teil der Fahrzeugstruktur. Das bedeutet, dass sei-ne Struktur ganz anders designt werden muss. Ein V6 ist auf jeden Fall der richtige Weg, wenn man sich ansieht, wohin der Weg bei unseren Straßenfahrzeugen führt. Das war der natürliche Weg. Wir mussten auch keine Kompromisse eingehen: Ein V6 ist klein, leicht und kompakt. Das sorgt für Vor-teile beim Packaging [Anm.: Gestaltung der Karosserie], der Gewichtsverteilung und beim Schwer-punkt.“ Der V6-Biturbo mit einem 120-Grad-Bankwinkel ist als tragendes Element ausgelegt und kommt ohne Hilfs- und Heckrahmen aus. Damit setzt auch Ferrari, wie die Konkurrenten von Toyota und Peugeot auf einen V6-Motor mit zwei Turboladern. Die durch den Bremsvorgang rekuperierte Energie speichert eine unter dem Fahrzeug montierte Batterie.
Ferrari nutzt bei der Aerodynamik die Vorteile des Hypercars gegenüber den LMDhs, die den Abtrieb auf den Hinterrädern vor allem über den vom Reglement detailliert vorgegebenen Heckflügel errei-chen. Bei den Hypercars erzeugt der Unterboden den meisten Abtrieb und die Gestaltung des Heckflügels ist weniger strikt. Ferdinando Cannizzo: „Unser Ziel bestand darin, maximale Perfor-mance und optimale Reifennutzung über den Stint miteinander zu verbinden. Aus diesem Grund soll so viel Abtrieb wie möglich radnah erzeugt werden, gleichzeitig wollen wir den Luftwiderstand klein halten. Deshalb finden sich keine seitlichen Flaps vor dem Radhaus, und deshalb gibt es auch nur wenige Kühllufteinzüge und -austritte“.
2023
Die Einsätze in FIA-Langstrecken-Weltmeisterschaft ab 2023 übernahm AF Corse, das langjährige Partnerteam von Ferrari. Die Fahrer kamen aus dem bisherigen Ferrari- und AF-Corse-Werkskader. Das Fahrzeug mit der Nummer 50 steuerten Antonio Fuoco, Miguel Molina und Nicklas Nielsen. Den Wagen mit der Nummer 51 fuhren Alessandro Pier Guidi, James Calado und der ehemalige Alfa Romeo Racing Formel-1-Pilot Antonio Giovinazzi.
Vom Beginn der Saison weg war der 499P konkurrenzfähig, was sich bereits beim ersten Rennen in Sebring durch die Pole-Position von Antonio Fuoco zeigte. Nach dem dritten Platz beim 6-Stunden-Rennen von Spa-Francorchamps siegten Alessandro Pier Guidi, James Calado und Antonio Gio-vinazzi beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Es war der erste Gesamtsieg für Ferrari in Le Mans seit 1965.
2024
Mit 23 Hypercars war die höchste Rennklasse beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans so gut be-setzt wie schon seit Jahrzehnten nicht mehr. Zu den in der gemeldeten Fahrzeugen kamen zwei weitere Cadillac V-Series.R, ein dritter Werks-Porsche 963 sowie ein zweiter Lamborghini SC63. Das Rennen und die sportliche Auseinandersetzung der Hersteller und Rennteams erfüllte von An-fang die Erwartungen der 350.000 Zuschauer vor Ort. Am Ende siegte erneut Ferrari - AF Corse mit dem Rennwagenmodell 499P. Diesmal siegten Antonio Fuoco, Miguel Molina und Nicklas Nielsen. Und wie im Vorjahr musste sich Toyota Gazoo Racing mit dem GR010 Hybrid knapp geschlagen geben.
Der Rennverlauf erfüllte die großen Erwartungen. Nach einer Fahrzeit von 24:01:55,856 Stunden lagen die ersten vier Fahrzeuge innerhalb von 37,897 Sekunden. Zwischen dem siegreichen Ferrari und dem zweitplatzierten Toyota von José María López, Kamui Kobayashi und Nyck de Vries betrug der Abstand nur 14,221 Sekunden. Toyota verlor das Rennen durch viel Pech, da der zweitplatzierte Wagen mit der Startnummer 8 dreimal außerplanmäßig die Boxen ansteuern musste. Einmal war die Frontscheibe so verschmutzt, dass der Scheibenwischer nichts mehr ausrichtete und de Vries zur Box kam, um eine der Schutzfolien abreißen zu lassen. Zweimal zwang ein Reifen-Druckverlust Lopez zum vorzeitigen Stoppen. Da alle drei Halte knapp nach dem routinemäßigen Nachtanken geschahen, fehlte die dabei verlorene Zeit auf den Sieg. Somit war Ferrari siegreich.
2025
Zum dritten Mal in Folge gewann eine Ferrari-499P-Mannschaft das Rennen. Diesmal siegten Philip Hanson, Robert Kubica und Ye Yifei im von AF Corse privat gemeldeten Wagen. Für Robert Kubica und Ye Yifei war der Gesamtsieg eine besondere Genugtuung. 2021 scheiterten die beiden Fahrer (dritter Pilot war damals der Schweizer Louis Delétraz) in der letzten Runde des Rennens als Führen-de in der LMP2-Klasse. Ein gebrochener Gaspedalsensor stoppte den Oreca 07.[ Kubica war der erste polnische Gesamtsieger, Ye der erste Chinesische.












