Sammlung "1979psh" | Chaparral

Chaparral - dass dieser Name heute nicht nur eine andere Bezeichnung für Roadrunner ist, sondern bei Rennsportbegeisterten auf der ganzen Welt glänzende Augen hervorruft, ist größtenteils der Verdienst eines Mannes: James Ellis "Jim" Hall.
Hall ist nicht nur einer der Gründerväter von Chaparral, sondern nimmt auch sämtliche andere Funktionen im Team ein: Teamchef, Fahrer, Ingenieur, kongenialer Konstrukteur.
Bei Letzterem ist er ein Besessener: Immer bestrebt, das Beste aus seinen Autos herauszuholen, geht Hall dabei völlig neue Wege: So gelten seine Fahrzeuge als äußerst innovativ und verfügen über bis dato noch nie dagewesene technische und aerodynamische Gimmicks wie Fiberglaschassis, bewegliche Flügel, Automatikgetriebe oder Luftleitsysteme.
Doch im Gegensatz zu anderen großen Konstrukteuren seiner Zeit verliert Hall nie die Sicherheit seiner Boliden aus den Augen - wohl auch deshalb, weil er selbst hinter dem Steuer seiner Boliden Platz nimmt: "Ich muss Vertrauen in mein Auto haben, um es schnell bewegen zu können" lautete sein Leitspruch.

Der Sprössling einer texanischer Erdöldynastie wird am 23. Juli 1935 in Abilene, Texas, geboren. Mit 17 Jahren verliert er seine Eltern bei einem Flugzeugabsturz. Während seine beiden Brüder das Familiengeschäft übernehmen, studiert Jim zunächst Geologie, sattelt dann aber auf ein Maschinenbaustudium um.
Nebenher beginnt er mit dem Rennfahren, wo er zunächst vorwiegend in Fabrikaten von Lister, Ferrari und Maserati unterwegs ist.
Nach dem Studium ist eine Anstellung in der Automobilindustrie sein Ziel - doch daraus wird nichts. Durch seinen älteren Bruder bekommt er schließlich die Möglichkeit, bei Carrol Shelby als Autoverkäufer zu arbeiten, wo er schließlich den Ölbohrexperten James "Hap" Sharp kennenlernt. Durch ihre gemeinsame Leidenschaft für den Motorsport entwickelt sich zwischen den beiden bald eine enge Freundschaft.

1961 erwerben die beiden zusammen mit ein paar anderen Gleichgesinnten ein Stück Land etwas außerhalb von Midland, Texas und machen sich an den Bau einer Rennstrecke: Dem Rattlesnake Raceway.
Nachdem es gleich beim ersten Rennen das erste Todesopfer zu beklagen gibt, kaufen Jim und Hap die anderen Investoren aus dem Projekt heraus und nutzen die Strecke als Teststrecke.
Als die beiden 1962 an diesem Ort Chaparral gründen sind die Rollen klar verteilt:
Hall ist die ausführende Hand, während Hap hauptberuflich weiterhin seine Ölbohrfirma betreibt. Dennoch sind die beiden gleichberechtigte Partner und treffen bis zu Haps Ausstieg 1969 jede Entscheidung gemeinsam.

Die Geschichte von Chaparral beginnt 1961 mit einem frontmotorbetriebenen Sportwagen, den Hall für den in Los Angeles ansässigen Sportwagenhersteller Troutman & Barnes entwickelt und finanziert.
Eigentlich als Kundenfahrzeug gedacht, entstehen lediglich fünf Stück von dem Wagen. Drei werden verkauft, zwei davon setzt Hall zwischen 1961 und 1963 unter der Bezeichnung Chaparral 1 im Rennsport ein. Und obwohl das Frontmotorkonzept des Wagens bereits bei seinem Erscheinen überholt ist, kann Hall damit einige Siege feiern.
Trotz dieser Erfolge sieht Hall den "1" in erster Linie als Versuchsfahrzeug, an dem er ohne Druck seine eigenen Konstruktionen austesten kann.
Denn obwohl er zweifelsohne Talent hat, strebt Hall keine Rennfahrerkarriere an, seine Vision ist eine ganz andere: Die Entwicklung und den Bau eines selbst konstruierten Rennwagens.
Eine Vision, die 1962 Realität wird - Hall beginnt mit der Entwicklung des "2", welchen er rückblickend stets als ersten "richtigen" Chaparral bezeichnet. Bereits bei diesem Projekt arbeitet Hall eng mit Chevrolet zusammen - eine Allianz, die sich wie ein roter Faden durch die Geschichte von Chaparral zieht und das Team in Insiderkreisen oft als inoffizielles Chevrolet-Werksteam bezeichnet wird.

In der amerikanischen Can Am Serie erlebt das Team ab 1966 seine Glanzzeiten. Durch das freizügige Reglement ist die Serie auf innovative Konstrukteure wie Jim Hall perfekt zugeschnitten. In dieser Phase entstehen die bekanntesten und spektakulärsten Chaparral-Entwürfe wie der 2E, 2I oder 2J. Neben Jim Hall und Hap Sharp greifen in dieser Zeit auch Rennsportgrößen vom Schlage eines Phil Hill, Joakim Bonnier, John Surtees oder Jackie Stewart ins Steuer der aufsehenerregenden, stets weiß lackierten Autos aus Texas und bescheren Chaparral in den kommenden Jahren etliche Siege.

Dass dem Team dennoch nie der ganz große Erfolg in Form eines Can-Am Titels zuteil wird, ist größtenteils dem Umstand geschuldet, dass Chaparral seine Fahrzeuge meist allzu früh und unausgereift in den Wettbewerb schickt.
Die Konsequenz dieser Politik: Während andere Teams - allen voran die orangen CanAm Keile von Bruce McLaren - von Sieg zu Sieg eilen, sind die Chaparrals zwar extrem schnell, kämpfen aber mit erdrückender Regelmäßigkeit mit Problemen und stranden deshalb nur allzu oft in aussichtsreicher Position liegend neben der Strecke.

Doch nicht nur in Amerika, auch in Europa sind die aufsehenerregenden Boliden von Chaparral vertreten. Als größter Erfolg kann hier wohl getrost der Außenseiter - Sieg bei den 1000 km vom Nürburgring 1966 genannt werden, den Phil Hill/Joakim Bonnier 1966 im extra eingeflogenen Chaparral 2D erzielen.
Bei den 24 Stunden von Le Mans bleiben die "weißen Riesen" hingegen hinter den Erwartungen - zwei Ausfälle bei zwei Starts lautet die ernüchternde Bilanz.

Ende der Sechziger befindet sich Chaparral im Umbruch. Hap verlässt den Rennstall und zugleich macht ein immer strenger werdendes, auf mehr Sicherheit bedachtes Reglement, das zum Beispiel die hohen Heckflügel verbietet, den Innovationen des Jim Hall den Garaus.

Der letzte und wohl auch radikalste Entwurf des Texaners datiert aus dem Jahr 1970: Es ist der 2J, bei dem mittels zweier zusätzlicher Gebläseräder am Heck des Fahrzeugs die Luft am Unterboden abgesaugt wird und so ein Unterdruck entsteht, der den Wagen förmlich am Boden festkleben lässt. Der 2J ist seiner Zeit weit voraus und gilt als Vorläufer der Ground Effect Cars, bis zu deren Erfindung allerdings noch ein knappes Jahrzehnt vergehen sollte.
Letztendlich erweist sich das Konzept zwar als äußerst vielversprechend, jedoch wenig ausgereift. So kann Vic Elford den 2J in drei der ersten vier CanAm Events mit teils überlegener Bestzeit auf Pole stellen, doch im Rennen folgt jedes Mal das vorzeitige Aus. Als die anderen Teams Protest gegen den "Staubsauger" einlegen und der 2J nach nur vier Rennen verboten wird, wendet Hall dem Motorsport enttäuscht den Rücken zu.

Das Comeback erfolgt auf Raten: So betreibt Hall von 1972 bis 1975 zusammen mit Carl Haas erfolgreich ein Formel 5000 Team.
1978 bringt er schließlich einen Lola nach Indianapolis, mit dem Al Unser prompt die legendären Indy 500 gewinnen kann.

Mit diesem Sieg im Nacken betritt Hall 1979 nochmal die Motorsportbühne und startet mit dem Chaparral 2K bei den Indy Cars. Das letzte Kapitel wird zum erfolgreichsten Kapitel in der Teamgeschichte: So kann Chaparral in den folgende drei Jahren nicht nur an vergangene Erfolge anknüpfen, sondern fährt 1980 mit Johnny Rutherford sogar den Titel ein.
Mit den spektakulären, innovativen Fahrzeugen von früher hat der von John Barnard designte 2K freilich nichts mehr gemein, ja sogar nicht mal die Farbe ist diesselbe geblieben. Um den Wünschen des Hauptsponsors Pennzoil zu entsprechen, hat Chaparral das traditionelle Weiss durch ein strahlendes Gelb ersetzt.
Ende der Saison 1981 zieht Hall endgültig den Stecker und der Name Chaparral ist Geschichte.

Heute kann die komplette Chaparral Flotte in den ehemaligen Firmenhallen am Rande des Rattlesnake Raceways bewundert werden, wo sie perfekt restauriert ausgestellt sind. Und ab und an werden sogar ihre brüllenden V8 Motoren wieder zum Leben erweckt - und zwar immer dann, wenn sie von ihrem Schöpfer höchstpersönlich bei diversen Rennveranstaltungen bewegt werden.
Legenden sterben nun mal nicht.